Την Κυριακή 29.3.2026 πραγματοποιήθηκε η απονομή του Βραβείου Μετάφρασης του Ιδρύματος Johann-Heinrich-Voß. Η ημερομηνία αναβλήθηκε κατά έξι μήνες, προκειμένου να τιμηθεί η 200ή επέτειος από τον θάνατο του Voß, του μεταφραστή της Ιλιάδας και της Οδύσσειας.
Το βραβείο καθιερώθηκε και χορηγείται από τον Bernd von Maltzan, πρώην μαθητή της DSA, ο οποίος είχε νυμφευθεί την Ursula von Reibnitz, επίσης μαθήτρια της DSA, η οποία όμως δυστυχώς απεβίωσε πριν από μερικά χρόνια. Η πρώτη τελετή απονομής βραβείων έγινε τον Οκτώβριο του 2023.
Το βραβείο απονεμήθηκε στην Doris Wille με απόφαση που βασίστηκε στην ομόφωνη πρόταση της ειδικής κριτικής επιτροπής, που απαρτίστηκε από την Birgit Hildebrand, τον Κώστα Κοσμά και τον Ulf-Dieter Klemm, ο οποίος μίλησε στην τελετή εκ μέρους της επιτροπής.
Dr. Ulf-Dieter Klemm, Mitglied der Fachjury,
Rede zur Verleihung des Preises des J-H-Voß Literaturhauses für griechisch- deutsche Übersetzungen an Doris Wille am 29.03.2026 für die Übersetzung von “Die Nadeln des Aufstands, Eine Kulturgeschichte des Strickens” von Katerina Schiná.
Herr Bürgermeister von Penzlin, lieber Herr Flechner,
Lieber Stifter des Preises des J-H-Voß Literaturhauses für griechisch-deutsche Übersetzungen, Dr. Bernd-Albrecht von Maltzan, lieber Bernd
Liebe Preisträgerin Doris Wille,
Liebe Frau Dr. Burghardt, Leiterin des J-H-Voß Literaturhauses zu Penzlin, und Mitarbeiter/innen,
Liebe Freunde des Andenkens an Johann-Heinrich Voß,
meine Damen und Herren.
Vor einigen Jahren entdeckte ich im Katalog des Converso -Verlags die Ankündigung von Katerina Schinás Buch Die Nadeln des Aufstands, Eine Kulturgeschichte des Strickens. Ich gestehe, dass mich trotz meines großen Interesses am gr. -dt. Literaturaustausch diese Ankündigung gleichgültig ließ.
Ich gehöre nicht zur Gattung der strickenden, häkelnden oder webenden Männer und konnte mich spontan nicht für eine Kulturgeschichte des Strickens erwärmen.
Dann begegnete ich dem Buch letztes Jahr wieder. Als Mitglied der Fachjury für den Penzliner griechisch-deutschen Übersetzerpreis habe ich mich mit ihm diesmal auseinandergesetzt und erkannt, wie ahnungslos ich gewesen war.

Das Buch ist ein literarischer Essay, eine Reflexion anhand der eigenen Biografie der Autorin über den Prozess des Strickens, Häkelns und Flechtens in der griechischen und internationalen (Ideen)-Geschichte, in Wirtschaft, Technik, bildender Kunst, Literatur und Philosophie. Das Buch wurde 2015 mit dem Großen Griechischen Staatspreis für Literatur in der Kategorie „Essay-Kritik“ ausgezeichnet. Die deutsche Übersetzung, mittlerweile in vierter Auflage erschienen, wurde 2021 in die Sachbuch-Bestenliste von ZDF, Deutschlandfunk Kultur und DIE ZEIT aufgenommen, eine Ehre, die dem Buch einer in Deutschland unbekannten griechischen Autorin, erschienenen in einem Kleinverlag, selten zuteilwird.
Die Autorin Katerina Schiná, auch Journalistin, Literaturkritikerin und Übersetzerin angelsächsischer Literatur legt in acht Kapiteln mit einer poetischen Nachlese ein geist- und kenntnisreiches Buch vor über die Bedeutung des Strickens und Häkelns in Geschichte, Literatur, bildender Kunst, Musik und den Wissenschaften bis hin zu Umweltpolitik, stochastischer Mathematik, hyperbolischer Geometrie und Chaostheorie.
Katerina Schinàs verknüpft das Thema mit knapp erzählten autobiografischen Geschichten. Sie öffnet einem Lesepublikum, das möglicherweise am Thema Stricken nicht sonderlich interessiert ist, einen spannenden Einblick in eine unerwartete Welt der Fäden und der Wolle, auf hohem sprachlichem Niveau und gewürzt mit Humor.
Es ist das Verdienst von Doris Wille, der Übersetzerin und Herausgeberin der deutschen Fassung, diesen amüsanten, lehrreichen und literarisch verdichteten Text kongenial ins Deutsche übersetzt zu haben. So hat sie den auf Griechisch
eher harmlos klingenden Buchtitel Καλή και ανάποδη. Ο πολιτισμός του πλεκτού (auf Deutsch etwa: zwei rechts, zwei links. Die Kultur des Strickens) in ihrer Übersetzung geändert, indem sie die Überschrift des dritten Kapitels
Die Nadeln des Aufstands zum Buchtitel machte.
Die Übersetzerin hat besondere Mühe darauf verwandt, sämtlichen Hinweisen und Quellen nachzugehen, die jeweils existierenden deutschen Publikationen herauszusuchen und zu dokumentieren.
Die Fachjury ist sich einig, dass sich die Kriterien für die Beurteilung einer Übersetzung nicht allein aus der Betrachtung des deutschen Textes ergeben, sondern dass auch der Umfang der Vorarbeit, die Erschließung von historischen, kulturellen und sprachlichen Hintergründen des Originals, die Reflexion über die Probleme des Transports von der Ausgangs- in die Zielsprache sowie das Gesamtbild bzw. die editorische Sorgfalt von Bedeutung sind.
Die Entscheidung der Fachjury, Frau Doris Wille als Preisträgerin vorzuschlagen, beruht auf folgenden Erwägungen:
Der deutsche Text liest sich trotz teilweise komplizierter Sachverhalte flüssig und mühelos, ohne dass der Originaltext durchscheint.
In einer zweiseitigen, elegant formulierten Anmerkung misst die Übersetzerin die verschiedenen Dimensionen des griechischen Verbs „pleko“ = stricken aus und macht klar, dass sich die Wortfelder des deutschen und des griechischen Begriffs nur teilweise decken. Auf diese Weise habe ich auch erfahren, dass es im Griechischen kein eigenes Verb für häkeln gibt. Man strickt in Griechenland stattdessen mit „der kleinen Nadel“.
Doris Wille hat nicht einfach die Bibliografie des Originals übernommen, sondern jeweils die deutschen Titel etwaiger Übersetzungen angegeben sowie die Bezüge und Zitate sorgfältig aufgeschlüsselt.
Anders als im Original hat die Übersetzerin, die auch als Herausgeberin auftritt, einen Index der im Buch genannten Kunstwerke erstellt, wobei sie eine eigene Auswahl getroffen hat. Während das Original weitgehend kleinformatige Schwarz-Weiß-Fotos und -illustrationen aufweist, zeigt die deutsche Ausgabe farbige, meist ganzseitige Abbildungen, die den Text wirkungsvoll ergänzen oder unterstreichen. So z. B. das Foto der gehäkelten Darstellung der Lorenz‘schen Mannigfaltigkeit, bei der ein Computeralgorithmus als Häkelvorlage benutzt wurde. Bemerkenswert ist auch ein Bild des griechischen Malers Nikolaos Gyzis aus dem Jahr 1882, das die Herausgeberin entdeckt hat. Es zeigt einen strickenden Großvater mit einem Enkelkind im Arm und weist einen besonderen griechisch-deutschen Bezug auf. Der Maler ist ein bekannter Künstler der sogenannten Münchner Schule der griechischen Malerei im 19. Jahrhundert. Nach der griechischen Staatsgründung 1831 gingen einige griechische Studenten an die Kunstakademie in München. So erklärt sich, dass der Großvater lederne Kniehosen trägt und vor einem Kachelofen sitzt, zwei Dinge, die es in Griechenland bis heute nicht gibt.
Doris Wille hat mit all dem eine Publikation geschaffen, die die griechische Originalausgabe originell erweitert.
Das Buch ist – anders als im Original – mit einem Index der im Buch genannten Kunstwerke, einem Namensregister sowie einem Bildquellen- und Textquellenverzeichnis versehen.
Mit knappen Ergänzungen im Text oder in Fußnoten erklärt die Übersetzerin Begriffe, die einem griechischen, aber in der Regel nicht einem deutschsprachigen Lesepublikum vertraut sind. In einem Fall korrigiert sie sogar einen Fehler im Original. Er betrifft das Geschlecht des britischen Keramikers Julian Stair, was zeigt, dass die Übersetzerin den Ausgangstext nicht blind übernommen, sondern sorgfältig geprüft hat.
Der Text enthält auch mehrere Gedichte, darunter von Pablo Neruda und Emily Dickinson. Einige davon, z.B. „Lobpreis der Nadel“ von John Taylor von 1631 hat die Übersetzerin sehr überzeugend gereimt übersetzt. Darin der schöne Vers: „Der Nadeln Spitze bringt Vorteil und Spaß / Spitze Zungen sticheln jedoch ohne Maß“.
Aus einer anderen Zeit, nämlich der des italienischen Überfalls auf Griechenland im Winter 1940 stammt eine aktualisierte Fassung des patriotischen Liedes „Söhne Griechenlands“. Ein Vers lautet in Doris Willes
Übersetzung:
Unsere Söhne, unsere Jungen
Unerschrocken, unbezwungen
Halten für uns Wacht.
Sie erwarten warme Spenden
Liebevoll mit unseren Händen,
nur für sie gemacht.
Die Übersetzung gereimter Gedichte ist eine besondere Herausforderung, die oft schief geht. Nicht so bei Doris Wille.
In anderen Fällen hat sie eigens die Lyrikerin Alissa Walser um Übersetzungen gebeten.
Wegen der besonderen Qualität des Originaltextes, wegen der exzellenten deutschen Übersetzung sowie der herausragenden editorischen Sorgfalt der Übersetzerin und Herausgeberin entschied die Fachjury einstimmig, Doris
Wille für den Übersetzerpreis vorzuschlagen. Diesem Votum ist die Jury gefolgt.
Herzlichen Glückwunsch, liebe Doris Wille.
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